Brachyzephalie

 

Es sei vorangestellt, dass Übertreibungen in der Zucht, gleich welcher Art,
in der Mehrheit zu gesundheitlichen Problemen der Tiere führen,
die schnell eingezüchtet, jedoch durch ihren meist rezessiven Erbgang nur schwerlich wieder auszumerzen sind.

Hier sollen nun die Auswirkungen eines, übertypischen brachyzephalen  Kopfes der Französischen Bulldogge kurz dargestellt werden.
Die Französische Bulldogge, sowie auch der Mops und der Pekingese, 
gehört zu den kurzköpfigen Hunden (=Brachyzephalie),
d. h. der Gehirnschädel ist größer als der Gesichtsschädel, im Gegensatz
z. B. zum Schäferhund, bei dem das Gesichtsfeld den größten Teil des Schädels ausmacht.

Trotz des verkürzten Gesichts müssen alle Organe untergebracht werden,
also Nase, Nasenrücken, Nasengänge, 42 Zähne, Zunge, Backen,
Ober- und  Unterkiefer, Schädelhöhlen, etc.,
was zwangsläufig zu einem entsprechend breiteren Gesamtschädel führt.
Die o. g. Hunderassen haben also einen entsprechend breiteren Gesamtschädel als viele “Gesichtsschädel-Hunde”.
Da trotz der Verkürzung alle Organe vorhanden sind, scheint die Gefahr  dieses Zuchttypus nicht allzu offensichtlich zu sein.
Warum also nicht einen “übertypisch brachyzephalen Kopftyp” anstreben?
Als erstes und wichtigstes Kriterium sei hier die oftmals minderwertige Funktionalität der Nase anzuführen.
Die Nase ist nicht nur Riechorgan, sondern mit dem Maul des Hundes
vor allen Dingen Atmungsorgan, welches die Lunge, das Herz und somit den Körperkreislauf mit Sauerstoff versorgt.
Die  Flimmerhaare in der Nase und z. B. die Trachea haben die Aufgabe, die  Lunge vor Verunreinigungen aus der Luft zu schützen.
Unschwer zu erkennen, dass eine verkürzte Nase weniger Fimmerepithel und somit mehr Verunreinigungen bedeuten.
Die Bronchien müssen ständig auf “Hochtouren” arbeiten um die Lunge vor Fremdpartikeln zu schützen.
Hier knüpft sich direkt das nächste Problem an, die oftmals zu engen Nasenlöcher.
Bei übertypisch kurzen Nasenrücken liegen in vielen Fällen entsprechend  kleine Nasenlöcher vor.
Da die Nase, wie bereits erwähnt, ein Atmungsorgan ist, muss dieser Hund mit einer entsprechend höheren Atemfrequenz seinen Körper mit Sauerstoff versorgen, als ein Hund mit normal großen Nasenlöchern.
Entsprechend öfter muss das Herz seinem Zweck entsprechen und sauerstoffreiches Blut durch seine Klappen in den großen Körperkreislauf pumpen, was eine unnatürliche Überbeanspruchung und somit eine Disposition für Herzfehler (Stenosen und Insuffizienzen), bedeuten kann. Doch auch die Maulatmung hat bei übertypisch kurzköpfigen Hunden
ihre Schattenseiten.
So fehlen im Mundraum z. B. die partikelfernhaltenden Flimmerepithel und der lymphatische Rachenring als Abwehrsystem vor Infektionen wird erhöht beansprucht.
Die Maulatmung  des Hundes ist hier nicht zu verwechseln mit dem Hecheln als Temperaturregelung.
Beim Hecheln wird die Atemluft frequent im Todraum  (Atemwege, in denen kein Gasaustausch stattfindet) bewegt und dadurch Körperwärme abgegeben, ohne jedoch das Atemvolumen zu erhöhen.
Dadurch  hyperventilieren Hunde auch nicht so schnell.

Das bedeutet, dass im Nasenrücken absolut zu kurze Hunde auch für Infektionskrankheiten, vor allem des oberen und unteren Luftweges, disponiert sind.
Als weitere Probleme sind zu verzeichnen, dass im Gegensatz zur angepassten Verkleinerung der Nasenlöcher eine meist “über-”normale Vererbung der Zunge und des Gaumensegels zu erkennen sind.
Zunge und Gaumensegel behalten allem Anschein nach die “€žnormale” Größe und passen sich nicht dem verkürztem Gesichtsschädel an, was sie dann zu groß erscheinen lässt.
Praktisch hat die zu lange Zunge die Auswirkung von Zungenzeigern und Zungenbeißern.
Weitaus größer jedoch die Gefahr des zu langen Gaumensegels.
Das Gaumensegel ist die Verlängerung des harten Gaumens und kann zum  Verschlucken, bei totaler Überlänge zur Unfähigkeit der Maulatmung  (Pferd, Rind) führen, da er den Zwischen- bzw. Verbindungsraum zur Trachea (Luftröhre) verschließt.
Die Konsequenzen sind eine noch höhere Beanspruchung der Nase als Atmungsorgan, was o. a. Probleme bei zu engen Nasenlöchern herbeiführt. (Bei “etwas” bzw. nicht bedrohlich verlängertem Gaumensegel sollte der Hund vor einer entsprechenden Kürzung jedoch ausgewachsen sein, da sich gerade bei Zunge und Gaumensegel im Wachstum viel ändern kann).
Die Gefahren eines zu kurzen  Gesichtsschädels sind mannigfaltig und lassen sich im Nichtvorhandensein der kompletten Bezahnung (Achtung, hier besteht ein Unterschied zwischen der Anzahl der Zähne im Milchgebiss (28) und im bleibendem Gebiss (42)), zu starken Muskelansätzen an den Backen (was zu einer  großen Gewichtszunahme des Schädels führt, welche die Halswirbelsäule zu tragen hat und zu Bindegewebsschwächen in der Augenpartie durch zu starke Lefzenausbildung), enormen Vorbissen (Unfunktionalität des Gebisses) ausufern.
Das schwerwiegendste Problem ist m. E. jedoch die Aufrechterhaltung der Funktionalität des Körperkreislaufsystems durch die oftmals unzureichende Sauerstoffversorgung des Gewebes bei zu engen Nasenlöchern, das somit Herzfehler bedingen kann.
Für Züchter und Zuchtberater bedeutet die Vermeidung von kopfmäßig übertypisch brachyzephalen Nachkommen auf jeden Fall eine schwierige Aufgabe, die auch unter Berücksichtigung weiterer Bedingungen
(HD, HS, HF, ...) vorgenommen werden muß.

 

Diese Informationen ersetzen in keinem Fall  einen Tierarztbesuch.
Sie dienen ausschließlich zur Information!

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